„Silbermann in Meran“ lautet der Titel des neuen Orgelprojektes. Mit diesem Artikel möchte ich nun erklären, wer dieser Silbermann war und wieso eine Orgel nach seinem Vorbild eine Bereicherung für unsere Gemeinde und Stadt darstellt.

Silbermanns Geburtshaus
Gottfried Silbermann wurde 1683 in einem Dörfchen bei Frauenstein im Erzgebirge geboren. Als Sohn eines Zimmermannes lernte er von Kind auf die Holzverarbeitung kennen und spürte schon früh einen „besonderen Trieb zur Orgelbaukunst”. Sein älterer Bruder Andreas hatte sich gerade in Straßburg als Orgelbauer niedergelassen: 1702 machte sich auch Gottfried auf den Weg ins Elsass, um von ihm dieses Handwerk zu erlernen. Nach bestandenen Lehrjahren kehrte er aber 1710 in die sächsische Heimat zurück. Auf dem Rückweg besuchte er gleich den Leipziger Thomaskantor Johann Kuhnau, Bachs Vorgänger, der damals einer der einflussreichsten Musiker Deutschlands war. Er zeigte ihm seine gute Zeugnisse und unterhielt sich mit ihm so, dass der Organist eine große Bewunderung für seine Fähigkeiten gewann.
Seine erste Orgel baute er für seine Heimatstadt und zwar zu Selbstkosten, „weil Frauenstein mein Vaterland, Gott zu Ehren und der Kirche zu Liebe”. Doch das Gespräch mit Kuhnau erwies bald sich als fruchtbringend, denn aufgrund dessen Fürsprache erhielt er seinen ersten großen Auftrag.
Im gotischen Dom der wohlhabenden und konservativen Bergwerkstadt Freiberg befand sich ein Orgelwerk, das 200 Jahre zuvor ein Südtiroler Orgelbauer geschaffen hatte. Das Instrument befand sich aber in einem desolaten Zustand und entsprach nicht mehr den musikalischen Bedürfnissen. So entschied man sich für einen Neubau. Als die Empfehlung von Kuhnau eintraf, hatte man schon den wichtigsten Orgelbauer Sachsens befragt. Es ist aus heutiger Sicht erstaunlich, wie der selbstsichere Silbermann, erst 28 Jahre alt, ohne Werkstatt und Referenzinstrumente, sich mit seinem mutigen Projekt gegen den viel etablierteren Konkurrenten durchsetzen konnte. Aber das Vertrauen der Freiberger wurde belohnt, denn der junge Mann schuf zwischen 1711 und 1714 ein Meisterwerk, das bis heute vollständig erhalten ist und weltweit zu den schönsten Orgeln zählt.

Silbermannorgel im Freiberger Dom
Silbermann ließ sich anschließend in Freiberg nieder und 1723 wurde er von August dem Starken zum Sächsischen Hof- und Landorgelbauer ernannt. Sein berufliches Leben ging von einem Erfolg zum nächsten, bis er 1750 auch den Auftrag für die Orgel der Dresdner Hofkirche bekam, die mit einer fantastischen Summe finanziert wurde. Er sah dieses Werk zwar nie vollendet, er starb aber 1753 als vermögender Mann, was eine seltene Ausnahme unter den Orgelbauern seiner Zeit darstellt. Die glücklichen Freiberger Umstände mögen den guten Anlauf seiner Karriere erklären, nicht aber den fortdauernden Erfolg, den anhaltenden guten Ruf und die kulturelle Bedeutung.
Gottfried hatte, dem Sagen nach, keinen einfachen Charakter, dafür war er fleißig, zielstrebig und selbstbewusst. Gemäß den rationalisierenden Tendenzen seines Zeitalters war die Arbeit seiner Werkstatt sehr gut organisiert und bis ins Detail geplant. Auch in der Disposition seiner Orgeln folgte er einheitlichen Prinzipien. Nur die besten Materialien, die er vorteilhaft in großen Mengen kaufte, fanden bei ihm Verwendung, was auch die Beständigkeit seiner Werke erklärt. Die innere Anlage war überschaubar und einfach, dazu aber sehr sauber gearbeitet, wie auch das Pfeifenwerk. Er war auch ein talentierter Werkstattleiter und Lehrmeister. Viele seiner Schüler wurden erstklassige Orgelbauer und haben seine Bauprinzipien und seine Arbeitsweise über Generationen weiterverbreitet.
Das Allerwichtigste ist aber wohl, dass er die musikalischen Ansprüche seiner Zeit vorzüglich verstanden und verkörpert hat. In der Zeit um 1700 verbreitete sich eine neue Art von Gemeindegesang: die heute übliche mit Orgelbegleitung. Schon seit Luthers Zeiten hatte man im Gottesdienst gesungen, aber stets einstimmig und “a capella”. Die Orgel wurde früher nur bei Vor- und Nachspielen und zur Begleitung (oder als Ersatz) von polyphonen Choralwerken benutzt. In Silbermanns Jugend erschienen hingegen die ersten Orgelbücher zum Gottesdienst. Sie waren in Generalbass-Notation geschrieben und führten Choralmelodie und bezifferten Bass übereinander. Silbermanns Orgelkonzept wusste diese Neuerung auf höchstem Niveau zu unterstützen: Die glänzenden, aber nicht allzu scharfen Mixturen (sein so genannter Silberklang) unterstrichen die Choralmelodie, während die gravitätischen Klänge seiner Pedal-Posaune dem vollstimmigen Gemeindegesang ein solides Fundament verliehen.

Evangelische Kirche Forchheim
Eine weitere Neuerung war das allmähliche Ersetzen der Choralwerke, die sogenannte Figuralmusik, durch das schlankere Ensemble von Instrumentalisten und Sängern, die wir aus den Kantaten kennen. Diese neue Art von Figuralmusik war selbst in den kleinsten Dörfern ganz begehrt, setzte aber bei der Orgel eine abstufbare Palette von sanften aber klaren Begleitregistern voraus. Natürlich durften sie in keiner Silbermannorgel fehlen: dazu sind besonders seine Flöten- und Gedacktregister hervorzuheben. Silbermann ging manchmal auch so weit, einige seiner Orgeln im so genannten Cammerton zu bauen, um damit die Transposition entbehrlich zu machen. Angesicht dieser zwei wichtigen musikalischen Neuerungen ist es wenig verwunderlich, dass aus praktischen und theologischen Gründen bei Kirchenneubauten viele Orgeln vor der Gemeinde platziert wurden und nicht im hinteren Bereich der Kirche wie in der Gotik.
Silbermann hatte aber wohl auch dem versierten Solo-Spieler einiges an Neuem anzubieten. Neben den oben genannten Mixturen und Flötenstimmen, die auch in der älteren Mitteldeutschen Orgeltradition vertreten waren, brachte Silbermann aus seiner elsässischen Lehre viele Farbregister mit, die aus der französischen Tradition entstammen und in Sachsen noch niemand gehört hatte.
Silbermanns vortrefflicher Ruf bestand nach seinem Tod bis in unsere Zeiten. Es ist im Laufe der Zeit über seine legendäre Persönlichkeit (von der nicht mal ein Bild erhalten ist!) sogar eine Reihe von Sagen und Anekdoten entstanden. Selbst in Zeiten, wo man sonst Einrichtungen und Instrumente aus der Barockzeit unbekümmert verheizt hat, hütete man sich vor tiefgreifenden Umbauten seiner Instrumente, zumal sie ganz solide waren. So sind von den ursprünglich 50 von ihm gebauten Orgeln nach etwa 300 Jahren immerhin noch etwa 32 erhalten und in Gebrauch. Ganze Generationen sind mit dieser Art von Orgelklang und Gemeindegesang aufgewachsen, und so haben Silbermannorgeln heute in Sachsen fast identitätsstiftenden Charakter.
Angesichts dieses hervorragendes Vermächtnis versteht man auch die Wahl unseren Spendenaufruf: Bitte helfen Sie uns, ein Stück evangelischer Orgelkultur nach Südtirol zu bringen!